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Helmut G. Müller - Kloster Hachborn
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Kloster Hachborn

„Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag...“
(Apg. 26,22, Monatsspruch August 2017)
 
  Ein Rückblick auf 35 Jahre  

„Konfessionell  bunt gemischt ist mittlerweile auch unsere Kita, jedenfalls was die  Herkunft der Kinder angeht. Kreuz und Kopftuch vertragen sich und die  Verschiedenheit wird als Bereicherung erlebt. Es scheint, als sei das,  was hier geschieht auch ein Modell für die Kirche der Zukunft.“ Ich  schreibe die letzten Sätze der Pfarreichronik, blättere dann die Seiten  durch und erinnere mich.
 Im Februar 1982  bin ich, gerade 27 Jahre  alt, zum ersten Mal nach Wachenbuchen  gefahren. Die Begegnung mit dem stellvertretenden Vorsitzendes des  Kirchenvorstandes Karl-Heinz Koch war freundlich aber nicht  überschwänglich: „Na ja, sie können ja auch nichts dafür. Dann müssen  wir sie halt nehmen“, sagte er. Es gab einen Kirchenvorstandsbeschluss,  den Vakanzvertreter, einen Religionslehrer und Prädikanten aus Hanau,  als Pfarrer für Wachenbuchen zu wählen, doch die Landeskirche stimmte  dem wegen eines fehlendem theologischem Abschlusses nicht zu. Der  Kirchenvorstand war darüber 10 Tage zuvor informiert worden.
 So  trat ich also meinen Dienst Ende März, am Palmsonntag, an mit dem Predigttext aus Jesaja 50: der leidende Gottesknecht. Der erste Abend  mit den Kirchenvorstehern war denn auch gleich eine Krisensitzung mit  dem Dekan. Der Organist und gleichzeitige Kirchenvorsteher hatte sich  mit dem Prädikanten und auch einigen Kirchenvorstehern in der Vakanzzeit  überworfen. Dass er mich als seinen Kandidaten präsentierte, machte den  Start nicht leichter.
 Der Hof des  Pfarrhauses war in der Vakanzzeit zum abendlichen Treff der Jugend  geworden, von der es damals noch sehr viel mehr gab. Es waren keine  wohlerzogenen Jugendlichen, wie wir sie heute haben, sondern wüste  Gesellen. Sie ließen fast jeden Abend die Scherben eines Bierkastens und  einiges an Zigarettenkippen von dem entsprechenden Trinkgelage zurück.  Die Scheiben der Garage waren eingeschlagen, die Hoflampen demoliert.  Danach gefragt, warum sie nicht in den Jugendkeller der Stadt gingen,  antworteten sie meist: „Da rauchen sie Haschisch und nehmen auch noch  andere Sachen. Wir aber wollen nur unser Bierchen trinken.“ Inzwischen  sind die meisten von ihnen doch noch ganz passable Familienväter  geworden.
 36  Konfirmanden waren einen guten Monat nach Dienstantritt zu konfirmieren  und 49 weitere kamen jeweils dienstags und donnerstags zum Unterricht  in einen viel zu kleinen Raum im Pfarrhaus. Pädagogisch ziemlich  unbedarft mit gerade einmal 10 Übungsstunden im Vikariat glich der  Unterricht dann einem Kampf ums Überleben und ich hoffe heute nur, dass  ich nicht allzu viele enttäuscht habe. Was da geschehe, sei gar nicht so  schlimm, sagten einige Ältere, die ich zum 70. Geburtstag besuchte. Sie  hätten ihrem Pfarrer mal ein Sauschwänzchen an den Talar gebunden. Da  war ich also mit Tampons im Briefkasten noch gut bedient.
 Ein  Gemeindehaus gab es damals noch nicht, aber der Kirchenvorstand wollte  es an der Kirche bauen und hatte dazu schon eine Vielzahl von Modellen  und Plänen diskutiert. Jetzt stand man kurz vor einem Rechtsstreit mit  der Stadt, die aus Gründen der Denkmalpflege die Pläne blockierte. So  rückte nach 6 Wochen die Bauberatung der Landeskirche an und fragte den  neuen Pfarrer, was er von diesen Plänen des Kirchenvorstandes halte. Der  antwortete ganz undiplomatisch „gar nichts“ und brachte einen Anbau ans  Pfarrhaus ins Gespräch. Dort war zu diesem Zeitpunkt noch der  Gemüsegarten der Familie Michel. Die Ernte wurde allerdings erheblich  reduziert durch Jugendliche, die die daneben liegende Wiese als  Bolzplatz nutzten.
 Die einzige von  der Kirchengemeinde bezahlte Mitarbeiterin war eine Küsterin weit  jenseits des Ruhestandsalters. Im Rahmen der Geringfügigkeit war sie mit  6 Wochenstunden angestellt.
 In  diesem ersten Jahr gab es mit über 40 Todesfällen einen Rekord bei den  Beerdigungen. Irgendjemand sagte, es läge daran, dass auch der kurz  zuvor gekommene Arzt sich erst einarbeiten müsse, was ich aber nicht  glaube.
 In einer solchen Situation  habe ich damals mehrfach um Hilfe gerufen. Die wohl schönste Antwort  kam dabei von einer 21-jährigen Studentin, die mich auch prompt am  19.06.1982 heiratete. Ein Freund rückte an, um sich um die Jugend zu  kümmern. Ein Workcamp mit Jugendlichen aus Nordirland sollte zum Frieden  beitragen. Der 4 m hohe gemeinsam hergestellte Zaun um den Bolzplatz  sollte zudem Erdbeeren und Gemüse im Garten schützen.
 Eine  große Hilfe war ebenfalls das sehr aktive jugendliche  Kindergottesdienstteam. Drei von ihnen beriefen wir in diesem Jahr noch  zu Kirchenvorstehern und bekamen damit den jüngsten Kirchenvorstand der  Landeskirche.
 Im nächsten Jahr  gesellte sich dann noch ein tüchtiger und sehr vielseitig begabter  Zivildienstleistender hinzu. Während er bei der Büroarbeit mithalf, auf  der Schreibmaschine tippte und den Gemeindebrief herstellte, war er  umringt von einer Schar von Jugendlichen, die lieber bei ihm saßen als  im muffigen Jugendkeller.
 Für mich  hilfreich, aber in der Gemeinde gewöhnungsbedürftig, war die  Pfarrhaus-WG, die wir mit zwei weiteren Mitbewohner gründeten. So waren  die Räume jedenfalls nicht mehr ganz so leer. Wir haben uns dann  allerdings entschlossen, sie längerfristig lieber mit Kindern zu füllen.
 1984  konnte endlich der Grundstein für das neue Gemeindehaus gelegt werden.  Ein Jahr später haben wir eine Jugendarbeiterin eingestellt, das neue  Gemeindehaus eröffnet und mit Thekla Schäfer noch die Frau für die  Bewirtung bei Beerdigungskaffes und anderen Veranstaltungen gefunden.  Mit einer weiteren halben Jugendarbeiterin konnte es an den Ausbau des  Dachgeschosses gehen, um dort Jugendräume zu realisieren. Der Ausbau in  Eigenleistung war dann gleich das erste große Jugendprojekt. Die neu  geschaffene Stelle einer Gemeindesekretärin und ihre Besetzung mit der  Kirchenvorsteherin Dorothea Neumann brachte ebenso Entlastung. Nach der  Verabschiedung der bisherigen Küsterin konnte mit Hilfe des Arbeitsamtes  eine ganze Küsterstelle für einen Spätaussiedler aus Polen errichtet  werden. So war nun ein gutes fest angestelltes Mitarbeiterteam für die  Gemeindearbeit da.
 
Ich  hätte also das große Gotteslob anstimmen können, wenn nicht ein  unseliger Konflikt mit dem Prälaten der Landeskirche     dazwischen  gekommen wäre. Ausgangspunkt war eine Unterrichtseinheit im  Konfirmandenunterricht zum Thema Gebote, ein theologischer Arbeitskreis  und die Einladung dazu in Gestalt eines zugespitzten Artikels im  Gemeindebrief. Das brachte mir eine Einladung zum „theologischen  Gespräch“ mit dem Prälaten ein. Dieses „Gespräch“ begann dann mit meiner  Suspendierung als Pfarrer, was nun wirklich ein sehr schlechter  Gesprächseinstieg war. Bei dem nachfolgenden Gespräch mit dem Bischof  war es dann wie bei Pontius Pilatus: Er fand keine rechte Schuld, wollte  sich aber auch nicht gegen seinen Prälaten stellen. So wurde ein  Verfahren gemäß § 66 des Pfarrerdienstrechtes eingeleitet. Dort heißt  es: „Ein Gemeindepfarrer kann aus seiner Pfarrstelle versetzt werden,  wenn Umstände festgestellt worden sind, die eine weitere gedeihliche  Tätigkeit des Pfarrers in seiner Gemeinde nicht mehr erwarten lassen.“  Da jedoch weder Kirchenvorstand noch Pfarrkonvent vorher gefragt worden  waren, musste dieses nun nachgeholt werden. Hier aber gab es in beiden  Fällen ein einmütiges Votum für den Verbleib des Pfarrers. Vielen Dank  also an dieser Stelle den Kirchenvorstehern und den Kollegen im  Pfarrkonvent! Ich hoffe, dass ich das Vertrauen nicht enttäuscht habe.
 Im  Übrigen gab es in der Sache nichts zu widerrufen, auch wenn ich heute  die Dinge stilistisch anders sagen würde. Die Unterrichtseinheit zu den  Geboten ist die einzige, die über all die Jahre fast unverändert  geblieben ist und mit der ich vor den Sommerferien meinen  Konfirmandenunterricht abgeschlossen habe. Dass mich einer der  Konfirmanden zum Schluss der letzten Stunde noch fragte: „Können wir  damit nach den Ferien weiter machen?“ hat mich dabei besonders berührt.  Doch für das Weitermachen bei der Vermittlung guter christlicher Ethik  an die nächste Generation sind nun andere zuständig.
 Mein  Versuch, mit dem Prälaten noch zu einem versöhnlichen Ende zu kommen  durch eine Einladung zum Straßenfest und einem klärenden Gespräch bei  gutem Bier ist damals allerdings kläglich gescheitert. Er kam zwar, aß  und trank nichts und verschwand dann wieder grollend gen Kassel.
 Für  mich war das damals sehr belastend, doch im Rückblick sehe ich auch  sehr viele wichtige Impulse und Erfahrungen aus dieser Zeit, die sich in  dem Wort aus dem Ende der biblischen Josefsgeschichte bündeln: „Ihr  gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu  machen“ (1. Mose 49,20).
 Leider  ist es mit einem gemeinsamen Glas Bier auf Erden nichts mehr geworden,  doch gewiss wird es etwas, wenn wir uns im Himmel wiedersehen. Hier auf  Erden hat sich zudem mittlerweile auch Manches verbessert. Von der  jetzigen Prälatin habe ich keine Vorladung mehr bekommen und demnächst  übernimmt gar ein alter Freund das Amt.
 Eine  Folge in jenen Jahren war allerdings, mich nach Alternativen zur  Landeskirche umzuschauen, mit kleinen Ausflügen in die Politik,  Wirtschaft und theologische Wissenschaft. Das Ergebnis: Eine  selbstbewusste Gemeinde ist auch eine gute Alternative.
 
Hier entwickelte sich in den 90er Jahren vieles sehr erfreulich. Aus den Familienfreizeiten entstanden Theatergruppe und Chor. Die  Zusammenarbeit mit den Vereinen intensivierte sich und mit der  1200-Jahrfeier von Buchen gab es eine gute Zusammenarbeit mit  Mittelbuchen. Gospelkonzerte brachten frischen Schwung in die Kirche.  Konfirmanden und Hobbykünstler malten sie bunt aus.
 Erhebliche  kulturelle und gesellschaftliche Umbrüche brachte der Beginn des neuen  Jahrtausends. Die Jugend hatte jetzt mehr Kultur als 1982. Mit der  verringerten Nachfrage sozial-diakonischer Arbeit in einem Jugendraum  zum Abhängen eröffnete sich gleichzeitig die Möglichkeit zu stärker  kulturell orientierten Angeboten. Die Einstellung von Christoph Goy in  2001 war dabei ein ausgesprochener Glücksfall und nun haben wir also das   Theater und manche Kunst dazu.
 Auf  die steigende Nachfrage nach Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter  drei Jahren reagierten wir zunächst mit einem weiteren Spielkreis und  dann, im Jahr 2004, mit der Eröffnung einer Kindertagesstätte unter der  Leitung von Sandra Pauli. Die Stadt Maintal erwies sich dabei einmal  mehr als ausgesprochen kooperativ und soll an dieser Stelle ausdrücklich  gelobt werden.
 In 2005 eröffneten  wir unseren Urnenfriedhof an der Kirche; eine Reaktion auf eine  veränderte Bestattungskultur. Unsere schon sehr bewährte Küsterin Anke  Menk wurde nun also auch noch Friedhofsgärtnerin.
Ein  großer Glücksfall war auch Vikarin Wehmeier, die uns bis 2009 auch noch  im Rahmen einer halben Pfarrstelle beglückte und ein hervorragendes  Mitarbeiterteam komplettierte. Uns gelang dabei was das 2006 erschienene  Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ propagierte: Wachsen gegen  den Trend. Über mehrere Jahre hatten wir mehr Kircheneintritte als  Austritte. Hinzu kam eine hohe Spendenbereitschaft für die Erweiterung  des Gemeindehauses, sodass wir diese komplett aus Eigenmitteln  finanzieren konnten. Mittlerweile hat sich dort eine muntere  Theaterszene etabliert, aber auch für andere Gruppen stehen die Räume  offen. Im gleichen Zeitraum erfolgte die Erweiterung der Kita um eine  Krippengruppe und die Einstellung weiterer Mitarbeiter.
 Schwierig  war die Fusion mit Mittelbuchen. Verlässliche Vertretung, Aufteilung  von Arbeitsgebieten und vieles mehr machen es wohl sinnvoll  Gemeindegrößen zu haben mit mehr als einer Pfarrstelle. Dazu gehört  allerdings auch eine Übereinstimmung in der Gemeindekonzeption - eine  Bedingung, die inzwischen gegeben ist. Lange Zeit allerdings fraßen die  Reibungsverluste die finanziellen Vorteile wieder auf. Doch inzwischen  singen die Chöre zusammen, in Mittelbuchen gibt es jetzt auch Theater  und die Konfirmanden fragen nicht danach, aus welchem Ort ihre Freunde  sind.  
Als  letztes Werk stand für mich noch die Kirchenrenovierung an. Hier ist  besonders Architekt Christoph Franke zu danken, der schon seit vielen  Jahren die Bauprojekte der Kirchengemeinde mit hoher Kompetenz und  vielen guten Ideen geleitet hat. Da er auch noch auf dem Kirchhof wohnt,  kann man wohl sagen: den schickte der Himmel. Noch ist das Werk nicht  vollendet, aber ein Stück vom Himmel könnte es schon werden. Für den  zweiten Bauabschnitt hat uns diesmal zu meiner Überraschung sogar die  Landeskirche Mittel zugesagt.
 
So bleibt am Ende  ein großer Dank und die Einladung an alle Menschen die hier wohnen oder  sich zur Gemeinde zählen zum Fest der Kirchweih am 13.08. ab 10.00 Uhr.  Ich freue mich dabei über gute christliche Mahlgemeinschaft und erwarte  getrost die Überraschungen, die das Leben sonst noch bringt.
 
 
Abschied zur Kerb 2017,    Gottesdienst dazu ....

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