Weihnachtspredigt 2016 - helmutg.mueller.de

Helmut G. Müller - Kloster Hachborn
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Predigt zur Christvesper 2016: Euch ist heute der Heiland geboren

Liebe Festgemeinde,

die  Engel, die Hirten, Maria und Josef, die Weisen aus dem Morgenland -  ihre Gewänder hängen noch alle hier, und die restlichen Requisiten der  Weihnachtsgeschichte finden sie in den verschiedenen Ecken der Kirche.  Wie jedes Jahr sind die Kinder in die Rollen hineingeschlüpft und haben  uns beschenkt mit ihrem Krippenspiel. Nun sind sie wieder nach Hause, um  sich selber beschenken zu lassen. Doch der Stall ist noch da und die  Krippe und darin das Kind in Windeln gewickelt.

Es  ist eigentlich noch alles wie es war: so wie es der eine oder andere  von ihnen aus der eigenen Kindheit kennt; so wie sie es vielleicht mit  ihren Kinder erlebt haben, die jetzt aus dem Krippenspielalter heraus  sind.
In all den Veränderungen der  Zeit - die Weihnachtsgeschichte ist noch so wie sie immer war. Sie ist  ein Stück unvergänglicher Heimat. Alle Jahre wieder können wir in sie  zurückkehren, uns hier miteinander erinnern, wo wir herkommen und welcher  himmlischen Heimat wir entgegen gehen. Vielleicht noch ein letztes Mal  das Weihnachtsfest feiern, zusammensein mit der Familie.
So  kurz nach Weihnachten hatten wir in den vergangen Jahren auch meist ein  paar Beerdigungen mehr, weil es für machen ja auch Ziel eines erfüllten  Lebens ist: Noch einmal das Weihnachtsfest mit der Familie feiern, mit  Kindern, Enkelkindern und bei manchem ja auch schon die Urenkel. Und  dann eben das sagen können, was der uralte Simeon im Tempel sagt, als ein paar Tage nach der Geburt das junge Paar mit dem Kind bei ihm  vorbeikommt:
„Herr, nun lässest du  deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland  gesehen, ein Licht zu erleuchten die Heiden.“ Als er das Jesuskind sieht  weiß er: Trotz vieler schlechter Nachrichten, trotz all dem Unfrieden,  Morden und Terror - es geht gut aus mit der Welt, und auch er kann jetzt  gut aus der Welt gehen. Das Licht ist da.
Ich  selbst erlebe das in diesen Tagen sehr direkt. Das letzte Mal also zu  Weihnachten hier auf dieser Kanzel, das letzte Mal im Pfarrhaus von  Wachenbuchen. Aber wie bei Simeon beim letzten Mal im Tempel ist jetzt  schon ein neugeborenes Kind mit dabei und bringt die Botschaft, das  Leben geht weiter, geht ganz erfreulich weiter.
Zu  diesem Fest haben wir zudem auch eine neue Altarbibel bekommen. Der  alte, in die Jahre gekommene Luthertext musste mal wieder an neue Sprache  angepasst werden, weil jede Generation anders spricht. Sie merken das  ja, wenn ihr Enkel ihnen sagt: „Oma du bist echt cool und der Opa ist  megakrass“.
Ebendeswegen machen sich  von Zeit zu Zeit Professoren und Oberkirchenräte an die Revision der  Bibel, um den alten Luther an moderne Sprache anzupassen.
Nur  mit der Weihnachtsgeschichte ist das anders. Die Weihnachtsgeschichte  des Lukas, die ist noch genauso wie damals: unverändert - bis auf die  neue deutsche Rechtschreibung. Selbst kleine textliche Veränderungen der  letzten Revision wurden wieder rückgängig gemacht.
Die  unveränderte Weihnachtsgeschichte, der vertraute Klang in den Ohren,  die alten Lieder - wir Menschen brauchen dieses Stück Heimat, das uns  von der Kindheit bis ins hohe Alter bleibt als Zeichen einer großen  Treue über unserem Leben.
Hier ist  die heilige Familie, hier ist der alte Stall und - so hat es die spätere  Tradition hinzugefügt - hier finden wir auch Ochs und Esel mit ihren  Eigenarten.
Vielleicht sind sie  selber heute auch hier, um sich zu vergewissern, dass noch alles so ist  wie es war. Ich wünsche ihnen jedenfalls, dass sie viel Vertrautes und  Schönes in der Christvesper entdecken. Die Krippe ist geblieben und die  alten Weihnachtslieder, auch wenn viel Neues inzwischen dazu gekommen  ist.
Weil wir Menschen verschieden  sind, feiern wir auch in verschiedenen Formen. Längst ist das Hauptfest  vom 1. Feiertag auf Heiligabend vorgerückt, und von dort hat sich‘s  weiter ausgebreitet. Die Adventszeit ist inzwischen schon voller  Weihnachtsfeiern. Die Krippenspiele von Kita und Schule,  Weihnachtsmärchen, Bläser und Sängerweihnacht, dazu noch das, was jeder  Verein und mancher Betrieb macht. Und weil sie gar nicht alle in die  Kirche hinein gingen gibt es auch noch Weihnachtsmärkte, wo sich alle begegnen  können.
Heute Abend haben wir hier  gleich vier verschiedene Gottesdienste. Aber in aller Verschiedenheit  steht doch das Gemeinsame und Verbindente in der Mitte. Im Zentrum die  Krippe - wie immer - als zentrales Heilssymbol. Hier beginnt die  Christenheit. In der Botschaft des Engels taucht das Wort „Christus“ zum  ersten Mal auf. Hier ist der erste Christ. „Fürchtet euch nicht! Siehe  ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn  euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in  der Stadt Davids.“ In der Botschaft des Engels steckt schon der ganze  christliche Glaube. Da finden die Hirten ihr Heil. Da finden wir alles,  was wir brauchen für ein Leben in Frieden und Wohlgefallen.
Es  geht um Entängstigung. In all dem was damals und heute in dieser Welt  zu fürchten ist, da ist auch immer ein Engel, eine gute Macht, stärker  als alle Angst.
Es geht um Aufklärung in der Nacht. Der Lebensweg wird klar.
Es geht um große Lebensfreude - gemeinsam mit allem Volk, mit allen Völkern
Es  geht um ein himmlisches Geschenk, weit über unser eigenes Leben hinaus:  Der Heiland – das ist ein Geschenk, das die Verletzungen, Verwundungen,  Kränkungen des Lebens heilt.
Mit dem Kind in der Krippe kommt eine große Ruhe, Stille und Gelassenheit in unser Leben - himmlischer Frieden: Ich  habe Zeit. Ich muss nicht mehr alles selber machen, nicht mehr alle  Ziele erreichen. Da ist ja ein Kind. Das führt auch meine Geschichte  weiter zu einem guten Ende.

Christus,  dem König der Könige, sind die tiefsten, beschämensten, entwürdigensten  Erfahrungen, die Wunden und Verletzung des Lebens nicht fremd. Am Ende  wird das Kreuz zum Zeichen dafür. Diese Erfahrungen sind ihm aber auch  schon in die Wiege gelegt. Da ist kein Platz für dieses Kind in der  Herberge. Ein Futtertrog muss als Bett herhalten. Was hier geboren  worden ist, weiß niemand zu schätzen - außer ein paar armseligen Hirten.  Aber wenn Gott auf diese Art zur Welt kommt, dann integriert er all  dieses Armselige und Erbärmliche und Beschämende so in seine  Lebensgeschichte, dass es zum Spannungsmoment wird für eine noch viel  größere Freude.
„Er ist einer von uns“, können die Hirten sagen. Er ist einer mit ihrem Stallgeruch - der Christ..
„Der  Heiland ist euch geboren“, verkündigt der Engel! Gott glaubt an euch!
Ob wir allerdings auch an Gott glauben ist noch eine andere Sache. Dabei  geht es nicht um ein für-wahr-halten oder spekulieren über himmlische  Dinge. Glaube - da geht es ganz praktisch um die Frage: Gehen wir jetzt  los, um nachzuschauen oder gehen wir nicht? Setzt diese Nachricht mein  Leben in Bewegung? Kann ich ihr vertrauen? Welcher Impuls geht weiter,  nachdem die Engel wieder im Himmel sind? Wird daraus eine neue  Geschichte?

„Lasst  uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die uns der Herr  kundgetan hat.“ So beenden die Hirten die Debatte um die himmlische  Erscheinung. Sie gehen, sie eilen. Da ist mit der Botschaft des Engels  eine Lebensenergie in ihnen drin, die vorher nicht da war. Sie  entdecken das Geheimnis des Lebens, und dann können sie es nicht  lassen, davon zu reden, was sie gesehen und gehört haben, und alle,  denen sie begegnen, wundern sich mit ihnen. Danach gehen sie wieder an  ihre Arbeit.
Diese Arbeit ist noch  die gleiche wie vorher. Es ist noch genauso dunkel in der Welt wie  vorher und doch ist jetzt etwas anders. Sie sind nun aufgeklärt.  Aufklärung, die Klarheit des Herrn hat sie erleuchtet. Sie wissen: in  dem Kind in der Krippe ist der Heiland da. Ihre Geschichte hat einen  Sinn. Sie geht gut aus. Am Ende werden sie in Frieden fahren können, wie  der alte Simeon, oder auch wie Hanna, von der Lukas erzählt: Die Frau  ohne Glück in der Ehe, wohl auch ohne eigene Kinder, aber doch selig als  sie dieses Kind sieht. Das Schwere wird darüber leicht. Das Dunkle wird  hell.

Auch wir, mit  unseren so verschiedenen Geschichten, sind ein Teil dieser Geschichte  bis auf diesen Tag heute. Die Krippe steht unverändert in der Mitte, das  Symbol unseres christlichen Glaubens. Ob in Handarbeit geschnitzt oder  im Baumarkt gekauft oder vielleicht als Geschenk aus dem Erzgebirge  erhalten - in vielen Familien ist die Krippe in der Weihnachtszeit zum  Hausaltar geworden: Hier ist meine religiöse Heimat!

Um  diese Krippe herum hat sich inzwischen viel versammelt an Gott und  Welt. Der Stern leuchtet oben drüber, das Leitbild für mein Leben. Maria  trägt ein Kopftuch als ihr Symbol. Einer der Könige hat einen  katholischen Weihrauchkessel. Die Weisen aus anderen Religionen verehren  das Kind und bitten, dass es ihnen Zukunft schenke. Ein Kamel erinnert  an die weiten Wege und die Wüsten, durch die wir manchmal müssen, bevor  wir finden, was wir suchen.
Dann  steht noch der Baum daneben. Ich weiß nicht, ob er die Rache für das  Abholzen der Donareiche durch Bonifatius ist - unsere germanischen  Vorfahren haben jedenfalls als neues Baumheiligtum noch den Christbaum  hinzugefügt. Der verträgt sich im Weihnachtsensemble heutzutage bestens  mit Krippe und Stall.
An den Baum  wiederum können sie eine Vielfalt von kleinreligiösen Symbolen hängen.  Von den Perlen des Glaubens über Engel, Sterne, Kerzenlichter bis hin zu  Jungfrau, Stier und Weihnachtsmann. Die Musik dazu: „Stille Nacht,  heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht nur das traute hoch heilige  Paar, holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf  in himmlischer Ruh.“

In  all den Aufgeregtheiten unserer Zeit, in dem hin- und her und vor und  zurück, zwischen „wir schaffen das“ und der Obergrenze für’s Schaffen,  zwischen Brexit und allzu vielen, die nach Europa herein wollen,  zwischen angeblich leeren Kirchen und neu zu bauenden Moscheen, zwischen  Angst vor Terror und dem terrorisieren derer, die bei uns Zuflucht  suchen: In all dem, wo man sich heute hier und morgen da aufregt, in all  dem vermittelt die Weihnachtsgeschichte eine heilsame Ruhe, guten  Schlaf, himmlische Gelassenheit: Stille Nacht, heilige Nacht schlaf in  himmlischer Ruh!
Denn im Grunde ist  noch alles wie es war. Die Weihnachtsgeschichte geht unverändert weiter,  prägt unsere Sprache, prägt unsere Lebenswelt, vereinigt uns zur  Christenheit und sendet neue Impulse aus.
Manchmal  werde ich gefragt: Wie geht es denn weiter mit der Kirche? Ich antworte: wie die Zukunft der Kirche aussieht – nun da muss ich nur ein  paar Treppenstufen im Pfarrhaus hinabgehen, und ich finde im  angrenzenden Kindergarten gleich zehn Kinder in Windeln gewickelt und in  einer Krippe spielen, die werden inzwischen ganz professionell  entwickelt, von unseren Erzieherinnen. Die Warteliste ist lang, die  Krippenplätze sind hoch begehrt. Es ist eine bunte Gesellschaft, die  sich da in unser Kita versammelt hat - als Kirche von morgen.  Reformierte Lutheraner, gut evangelische Katholiken, Muslims oder  Atheisten aus dem Osten. Doch zum Krippenspiel sind sie alle in der  Kirche.
Oder: Gehen sie in diesen  Tagen auf einen beliebigen Marktplatz oder auf einen der  Weihnachtsmärkte - wahrscheinlich waren sie ja schon da: „Ihr werdet  finden, das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend!“ So  christlich war Europa nie, jedenfalls wenn man es weihnachtlich sieht.
Wir erleben in diesen Tagen allerdings auch, wie gefährdet dieses weihnachtliche Europa ist. Auf einem  Weihnachtsmarkt finden wir nicht nur das Kind in der Krippe, sondern  auch die Blutspur eines Lastwagens der viele überrollte. Auch dies  gehört immer noch zur Weihnachtsgeschichte: Matthäus 2, 13 "Herodes hat  vor das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Er ließ alle Kinder in  Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter  waren“. Blinder Terror gegen völlig Unschuldige, viel Weinen und  Wehklagen.
Nachdem die Weisen, die  Elite der Völker, bei ihm war und ihn mit Gold, Weihrauch und Myrre  beschenkt hat findet sich das Kind unter den Flüchtlingen wieder – und  wirkt nun auch dort zum Heil der Welt. Auch sie gehören hinein in die  Weihnachtsgeschichte.   
Flüchtlinge  aus Syrien und dem Irak haben uns hier im letzten Jahr die Krippe in  der Kirche aufgebaut, und auch dieses Jahr sind sie zu Weihnachten hier  dabei. Wir wollen gemeinsam mit ihnen an der Krippe stehen, gegen alle  Angst und allen Terror, und jene, die immer noch ihr Geschäft damit  machen.
„Fürchtet euch nicht“ steht  als Wort des Engels über der Geschichte. Der Heiland ist euch geboren.  Er verbindet die Wunden, er verbindet die Welt zur Heimat für alle  Menschen. Trotz allen Finsternissen und aller Nacht, trotz Weinen und  Wehklagen - die Geschichte geht gut aus. Mit guter Hoffnung also Ihnen allen ein gesegnetes  Weihnachten 2016 und noch viele fröhliche Weihnachtsfeste dazu.  
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